08. 03. 2017

Exkursion Genuss und Abenteuer

Patienten der Psychosomatischen Privatklinik Bad Grönenbach haben eine Genusswanderung unternommen.

Ein Erfahrungsbericht von Erlebnispädagoge Mario Winkler

In den Pfützen des Regens der vergangenen 24 Stunden spiegeln sich die letzten Regenwolken über dem Ort. An einigen Stellen blitzt ein sanftes Blau des Himmel durch und verspricht den erhofft schönen Tag. Im Speisesaal beim Frühstück herrscht spürbare Vorfreude auf eine Wanderung im Allgäu unter den 15 Teilnehmern. Die Fahrt übers Allgäuer Tor eröffnet den ersten Blick in Richtung der Alpen, welche von dünnen Wolkenschleiern verhangen sind. In der Ferne ragt der Grünten als Wächter des Allgäus weithin sichtbar in den Himmel. Die Landschaft wirkt sonnenbeschienen und frisch verschneit, mit einem eigenen Zauber beruhigend, entgegen der inneren Aufregung.

An einer kleinen Kapelle beginnt die Tour in 5 cm Neuschnee, mit dem Fokus auf dem Weg anstatt auf dem Ziel. Weg von der gesellschaftlich bedingten Leistungsorientiertheit, hin zum Wahrnehmen des Genusses. Nach einer kurzen Eingehphase bietet sich die Gelegenheit, eigene Spuren im Schnee zu hinterlassen. Ein Bild, welches dank des Schnees bleibt. Kreuz und quer, ziellos mit Richtung nimmt sich jeder die Zeit, welche er braucht. In einer Spirale kommen alle wieder zusammen um mit dem Gefühl, wieder in der Gruppe angekommen und willkommen zu sein, summend weiterzuwandern. Zwitschernde Vogelstimmen werden bestimmt. Spuren von Dachs, Reh, Hase, Fuchs und Eichhörnchen entdeckt. Die Umgebung wird wahr genommen, der Weg gespürt, das Ziel verschwindet in seiner Präsenz.

Die Stimmung, welche durch den Dunstschleier im Tal und in den gegenüberliegenden Bergen der Nagelfluhkette am Horizont entsteht, strahlt eine wundervolle Magie aus. Alles wirkt auf eine geheimnisvolle Art, wie ein großes Schwarz-Weiß-Bild mit gut verborgenen farbigen Tupfern, während über der Wandergruppe die Sonne auf die noch unberührten Hänge scheint. Es klingt einfach und unbeschwert, was es in der Stimmung auch ist. Doch die oft ungewohnten Höhenmeter lassen die Schenkel spürbar werden und zeigen eigene Grenzen auf, welche wahrgenommen und berücksichtigt werden wollen. Die Spur eines Hirsches lädt zu einer entspannten Pause ein. Stille ist schwer zu beschreiben, wenn man sie nicht selber erleben durfte. Nur das Stapfen der Schritte im tiefer werdenden Schnee und ein paar Vögel sind hörbar, als die Gruppe bewusst schweigend den Winterzauber eines tief verschneiten Waldstückes genießt.

Ein letzter Schritt auf einen freien Bergrücken mit einem Gipfelkreuz und einem schönen Blick über die tiefer liegenden verschneiten Häuser unterhalb des Hauchenbergs. Der höchste Punkt wird sichtbar, Spuren anderer Wanderer mischen sich mit denen der Gruppe und zeigen den Weg zum Alpkönigblick, einem 12 Meter hohen Aussichtsturm mit tollem Blick über Voralpen, Allgäuer Alpen, Tannheimer Tal und Lechtal. Während die Ersten bereits die Stufen des Turmes erklimmen, erhoffen sich vereinzelte die versprochene Unterstützung im Umgang mit ihrer Höhenangst. Stück für Stück, Schritt für Schritt, mit wanderndem Blick werden die Grenzen zwischen Angst und Wirklichkeit wahrgenommen und verschoben. Oben angekommen arbeiten sich die Blicke mit Rücksicht auf dieses flaue Gefühl im Magen langsam aus der Ferne in die nähere Umgebung. Jedem gelingt es auf seine eigene Weise dahin zu kommen, das Sein in der Höhe bewusst zu genießen. Nach einer knappen Stunde geht es auf einem anderen Weg Richtung Abstieg. Eine Weile begleitet uns der breite abfallende Rücken des Berges, bevor wir uns im Wald südlich wenden, um den konzentrativ fordernden Weg nach unten zu meistern. So endet eine Genusswanderung mit einem Abenteuer für alle Beteiligten, wobei der Genuss auch im Nachhinein als sehr präsent zurückgemeldet wurde.